| . | |
|
|
|
|
GEBURT EINER IDEE
Beginn 1991
Lange scheint sie her zu sein, diese wunderbare und sonderbare
SEELENLANDSUCHE entlang dem Mare Internum. Damals als ich von Rom nach Malaga
(und in den nächsten Jahren bis Tanger)
tausende Kilometer durch endlose Ebenen, über Gebirge hinweg, manchmal
durch Sumpf und Wüsten und meist am blauen Wasser entlang ging. Und immer
wieder der Gedanke der Vorväter: ein Mann soll ein Kind zu zeugen, an alte, vor ebenso
langer Zeit geschriebenen Bücher und nun dem Alter entsprechend einen Baum
setzen. So lag es nur nahe, Erden von besonderen Orten mitzubringen, ohne
genau zu wissen warum, nur einer vagen Ahnung gehorchend.
Vielleicht
nährten einige, der sehr
beeindruckenden Bäume im (ersten) Wald Loorien
(MELCHISEDEK)
die Sehnsucht nach diesen sonderbaren Wesen.
Nur leider, was von ihnen blieb, sind zweifelhafte Erfahrungen der Gefühle, welche
mich auf meinen jährlichen, viele Wochen dauernden Wanderungen und endlos
scheinenden Märschen entlang den Küsten begleiteten. Aber schon damals
passierten nicht nur Begegnungen mit sonderbaren Menschen
sondern auch mit noch
wunderlicheren Bäumen. Tief im Süden fielen mich riesige Hunde an, und doch ist der Hund der treueste Freund und das Pferd eines der nützlichsten und von archaischer Kraft und Gewalt, sagen die Spanier. Aber wie ist unsere Beziehung zum Baum? Vom Bruder Baum zu sprechen, wäre angesichts ihrer oft einsamen Schönheit in den trockenen Ebenen und bizarren Landschaften mehr als nur banal. Diese Wesen zeigen sich als älteste und verlässlichste Begleiter und als Lebensraum, der wie wenig anderes Träume und Lieder bestimmen. Ihre archaische Verbundenheit ist widersprüchlich, ist dominiert von Ehrfurcht und Respekt, von Nutzen und Göttlichkeit, aber auch von Vergewaltigung und Missbrauch. Mit dem Wesen Baum verbinden sich Träume und immer wieder besungene Sehnsüchte des oft recht hilflosen Wesen Mensch. Die Umgebung von Alicante, ihre Kargheit und verwaschenen Spuren aus der Zeit der maurischen Bauern bewegte das Gemüt. Wenn man in solch einem Zustand auf der Suche nach einem besonderen etwas, Unbestimmten ist, landet man an ebensolchen Orten, zumindest im Kopf. Soll es ein besonderer Baum sein, z. B. ein Olivenbaum als Weltenbaum, dann muss er auch von einem ganz besonderen Ort stammen. In meiner Überlegung spielte zuerst Jerusalem als Schnittpunkt dreier Religionen, aber auch verständlicher Weise Rom eine Rolle. Es kam alles ganz anders. Zu dieser Zeit studierte ich gerade christliche, arabische und nebenher ein wenig jüdische Philosophie des Mittelalters an der Universität Innsbruck. Wobei ich gerade zwischendurch eine meiner jährlichen 300 Kilometer-Wanderungen machte, von Valencia über Alicante nach Cartagena. Beides ein gewaltiges Erlebnis. Einerseits der Erwerb von Wissen von einen meiner mich prägenden Lehrer, dem Basken 4estaislao Arroyabe und das Studium begleitend ein immer größeres Staunen über die mittelalterlichen Philosophien der drei Religionen und andererseits eben besagte Wanderung. Die Wanderung, vor allem ab Alicante südwärts, war oftmals insofern sehr bedrückend und emotional prägend, als mit neuem Verstehen die meist nur mehr zu ahnende Spur der berbisch-maurischen Kultur abseits der Touristenzentren überall sichtbar und vor allem lebendig wurde. Plötzlich und äußerst intensiv spürte ich den Untergang und Verlust dieser Kultur. Wenn man bei täglich 30 Kilometern, mit müden Füßen bei fünfundvierzig Grad und 20 Kilo am Rücken durch die ehemals hochkultivierte und blühende Landschaften Spaniens zieht, jetzt meist nur mehr Staub- und Gestrüpplandschaften, dann steigert das die Sensibilität, vermittelt das eine Ahnung von all dem Leiden, Grauen und den Tragödien, die in diesem Land passiert sein mussten. Es reifte der Gedanke, nicht zuerst Jerusalem, nicht Rom, sondern ein besonderer Ort in Spanien, einer, von wo viel Wunderbares, von dem aber auch so viel Schreckliches ausging, soll der Geburtsort des Weltenbaumes sein. Das hat nichts mit Katholizismus, Kirche oder Papsttum zu tun. Spanien und Portugal ist Europa, die iberische Halbinsel ist Afrikas kleiner Bruder und ist eine der Wurzeln des europäischen Amerika. Spanien war auch gemeinsame Heimstätte christlicher, islamischer und jüdischer Kultur und Religion. Alleine Cordoba aronda ist Musik aus Aeons Zeiten.
Was
lag damals näher, als einen Ort der Gemeinsamkeit zu suchen?
Vielleicht ist ein spätes Verstehen, Versöhnen und gegenseitiges
Verzeihen möglich? Nur wer weiß überhaupt noch davon? Wehr müht sich ab
mit stetem Erinnern, was der Menschen
Seinesgleichen zufügen kann und der Mensch der Natur anzutun bereit ist. Santiago de Compostela war der religiöse aber auch ideologische Ausgangspunkt der Rekonquista. Diese Stadt war die Wurzel kommenden Grauens der Mauren und Juden. Santiago, ‚Sant Iago‘, zu deutsch Jakob oder Jakobus (der Ältere), gehörte zum inneren Kreis der Aposteln. Er ist heute noch auf vielen Darstellungen in Spanien als ‚Santiago Matamorus‘, der Maurentöter, mit seinem Schwert hoch zu Pferd zu sehen, umgeben von abgeschlagenen, dunkelhäutigen und kraushaarigen Köpfen der Feinde des Christentums. 813 oder 825 wurde ein frommer Einsiedler durch ein übernatürliches Licht über ein Feld, "Campus stellare", das Sternenfeld, zum Grab des Heiligen geführt. So entstand der Name des Ortes Santiago de Compostela. In den Tiroler Bergen ist manchmal der nächtliche Himmel besonders sternenklar und der Betrachter fühlt sich dem Firmament und dem, was hinter ihm sein könnte, besonders nahe. Deswegen soll der Weltenbaum an einem sternensichtigen Platz, einen Sternenplatz als einen ganz besonderen Ort heran wachsen, letztlich in Loorien alpha - dem Schwazer Silberwald, der Hain der Tausendjährigen. Anders gesagt, an einem Platz unter einem Sternenhimmel, der vielen Träumen unserer Welt, vielen besonders empfindsamen, offenen und außergewöhnlichen Menschen gemeinsam sein kann. Im Jahre 2000 wuchs das Projekt Millennium Weltenbaum vom Traum zur Wirklichkeit. Ein Olivenbaumsetzling aus Santiago de Compostela wurde nach der zehnten Wanderung von Cartagena nach Malaga im Zentrum des Testudines Schildkrötenparks Schwaz gepflanzt. Später übersiedelte er nach Loorien alpha - dem Schwazer Silberwald, ein Hain aus jungen tausendjährigen Baumarten. Aufgrund gegebener klimatischer Verhältnisse soll der Jungbaum zum Großbonsai heranwachsen, damit Mobilität gegeben ist und er in einem Glashaus überwintern kann. Das Lebenssubstrat des Weltenbaums werden tausend Erden aus allen Ländern und möglichst vielen Orten unserer Welt bilden.
Mit der
Realisierung des Vorhabens ist es noch lange nicht getan. Anspruchsvoller
Geist verlang mehr, begehrt nach Verstehen. Und so
zeigte sich immer klarer, der alte Begriff Millennium,
Tausend, stand nicht für den damals stattfindenden
Jahrtausendwechsel. Das ergab sich eher als der Zufall einer
Gelegenheit. Andere Kulturen und Religionen rechnen mit anderen
Jahreszahlen, da wäre es anmaßend die christliche Zeitrechnung als weltbestimmend
vorauszusetzen. Obwohl es faktisch so ist.
Zu schnell ist gesagt, Millennium steht für die Zeitspanne von tausend
Jahren, auch wenn ein Olivenbaum nun mal tausend und mehr Jahre alt werden kann,
unabhängig von irgendeiner festgelegten Zeitrechnung.
Nach
der Besorgung des
Olivenbaums
aus Santiago de Compostela regten mich Freunde an, zusätzlich Olivenbäume
aus Rom und aus Jerusalem zu einer Trinität zusammen zu setzen. Lange dauerte es noch, bis
mir klar wurde, für was diese drei Bäume wirklich stehen sollen. Im
(ersten) Wald Loorien klärte sich allmählich die Sicht.
Der
Versuch eines immer
tieferen
Verstehens dieses Vorhabens vollzog sich in einem unheimlich zähen Prozess.
Fortschritte ließen
sich nur ansatzweise im (ersten) Wald Loorien erzielen. Allmählich wurde klarer,
was das Besondere an diesem Vorhaben sein könnte, auch wenn solch ein
Denken damals, wie auch heute, sehr überzogen und verrückt zu sein schien.
Der Übergang vom
vergangenen in das neue Jahrhundert ist mehr als nur ein
Jahrtausendwechsel. Wahrscheinlich vollzog sich noch nie solch eine tiefgehende Veränderung des
Menschseins, wie in dem Jahrhundert vor und den Jahren nach dem
Millenniumwechsel. Und so geht der Begriff Millennium über den Zeitenwechsel hinaus, ähnlich wie im Sehen der alten Babylonier und Perser und später in der klassischen griechischen Mythologie. Er steht für die kommende Epoche und für ein eben solches Menschheitszeitalter. Für solch ein Zeitalter stehen stellvertretend und symbolhaft zuallererst die gesammelten Erdenspenden unserer Welt und erst dann daraus wachsend vielleicht doch ein übrig gebliebener tausendjähriger Olivenbaum. Die Idee des Millennium Weltenbaum steht in keiner nur irgendeiner Art von Konkurrenz zu irgend etwas, nicht um sich bewähren und durchsetzen zu müssen. Sie ist zugleich singulär und universal. Trotz ihrer Widersprüchlichkeit zeigt sie sich bemerkenswert mächtig und überraschenderweise selbsttragend erfolgreich. Wo und worin liegt die Kraft dieser Idee? Ist sie von vornherein so tief im Menschen verwurzelt und mächtig, dass sie in ihm selbstständig arbeitet? Was passiert da in den Köpfen oder in den Seelen der Baumbesucher? Barabbas-Yuha-Eley -- Schwaz 2000 (später ergänzt)
|
|
|
|
|
.